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Richterskala

Im Jahr 1935 entwickelte der US-amerikanische Seismologe Charles Francis Richter ein Verfahren zur Bestimmung der Intensität von Erdbeben. Dabei legte er Wert darauf, dass das Verfahren einfach ist und möglichst weltweit eingesetzt werden kann. Die seit 1873 verwendete Rossi-Forel-Skala, auf deren Basis der italienische Vulkanologe Giuseppe Mercalli in den Jahren 1883 und 1902 die 10 Stufen umfassende Mercalli-Skala entwickelte, beschreibt in erster Linie die objektiven Auswirkungen von Erdbeben, nicht jedoch deren wahre seismische Intensität.

Als Ansatz nutze Charles Francis Richter eine Überlegung aus der Astronomie: Sternen werden in Abhängigkeit ihrer Helligkeit in Größenklassen eingeteilt. Diese Größenklassen müssen eine große Bandbreite von Werten abdecken, so dass sie logarithmisch aufgebaut sind. Da auch die Amplituden seismischer Wellen in der Erdkruste eine ähnlich hohe Bandbreite aufweist, bot sich die Nutzung einer logarithmisch aufgebauten Skala für die Angabe der Stärke respektive Intensität eines Erdbebens an. Ein Erdbeben der Stufe 2 auf der Richterskala ist demnach 10-mal so stark wie ein Erdbeben der Stufe 1 auf der Richterskala. Die Richterskala ist theoretisch nach oben hin offen - es gibt also kein offiziellen Höchstwert. Praktisch betrachtet dürfte bei 10,6 die obere Grenze sein, da die bei einem Erdbeben dieser Stärke freigesetzte Energie so groß ist, dass die Erdkruste vollständig bricht. Der so genannte Null-Punkt ist ebenfalls ein theoretischer Wert, der auf der Annahme von Charles Francis Richter beruhte, dass ein Beben, das er mit seinen damaligen Messinstrumenten nicht registrieren kann, nicht existiert. Mit modernen Seismographen lassen sich heute jedoch auch minimale Bodenerschütterungen links der Null erfassen. Es gibt daher auch sehr kleine Erdbeben mit einem negativen Wert auf der Richterskala.

Die nachfolgende Tabelle enthält eine Übersicht der einzelnen Stufen der Richterskala einschließlich die bei einem Erdbeben entsprechender Stärke freigesetzte Energie und Anzahl Erbeben pro Jahr:

Richterskala Beschreibung freigesetzte Energie Häufigkeit

Beschreibung = verbale Umschreibung der Magnitude
freigesetzte Energie = TNT-Äquivalent in t und Energie in J
Häufigkeit = statistische Anzahl der Erdbeben pro Jahr

kt = Kilotonnen = 1.000 t
Mt = Megatonnen = 1.000 kt
Gt = Gigatonnen = 1.000 Mt

J = Joule = 1 Joule entspricht auch 1 W/s bzw. 1 Nm
GJ = Gigajoule
TJ = Terajoule = 1.000 GJ
PJ = Petajoule = 1.000 TJ
EJ = Exajoule = 1.000 PJ
0,1 - 1,9 minimal 0,006 bis 1 t 0,002 bis 4,2 GJ > 2.500.000
2,0 - 2,9 sehr klein 1 bis 32 t 4,2 bis 135 GJ 350.000
3,0 - 3,9 klein 32 bis 1.000 t 135 bis 4.200 GJ 49.000
4,0 - 4,9 leicht 1 bis 32 kt 4,2 bis 135 TJ 6.200
5,0 - 5,9 mittel 32 bis 1.000 kt 135 bis 4.200 TJ 800
6,0 - 6,9 stark 1 bis 50 Mt 4,2 bis 210 PJ 120
7,0 - 7,9 sehr stark 50 bis 1.000 Mt 210 bis 4.200 PJ 18
8,0 - 8,9 verheerend 1 bis 5,6 Gt 4,2 bis 23,5 EJ 1
9,0 - 9,9 katastrophal 5,6 bis 1.000 Gt 23,5 bis 4.200 EJ (1 alle 20 Jahre) 0,05
10,0 - ∞ vernichtend > 1.000 Gt > 4.200 EJ  (1 alle 100 Jahre) 0,01


Der Entstehungsmechanismus von Erdbeben ist bislang nicht eindeutig geklärt bzw. es lassen sich keine exakten Vorhersagen machen. Die Ränder von Kontinentalplatten gelten dabei aufgrund der dort permanent auftretenden Deformationsvorgänge als potentielle Erdbebenquellen. Die Lokalisierung des Epizentrums sowohl hinsichtlich der geografischen Länge und Breite als auch der Tiefe stellt die Basis dar, auf deren die Magnitude eines Bebens ermittelt wird. Aus der räumlichen Verteilung der seismischen Wellen einschließlich deren Intensität kann sowohl das Epizentrum als auch die Stärke des Bebens rekonstruiert werden.

Die nachfolgende Tabelle enthält eine Übersicht der schwersten bislang aufgetretenen Erdbeben, soweit die Magnitude halbwegs sicher bestimmt werden konnte (in der Übersicht fehlen einige historisch belegte schwere Erdbeben, da insbesondere vor dem 19. Jahrhundert exakte Übermittlungen fehlen):

Datum Stärke Name Ort

Stärke = Magnitude des Erdbebens auf der Richterskala
*) = Magnitude geschätzt, da keine gesicherten Messwerte vorliegen
1) = auch als Seebeben im Indischen Ozean 2004 bezeichnet
22.05.1960 9,5 Großes Chile-Erdbeben Valdivia/Chile
26.12.2004 9,1 Sumatra-Andamanen-Beben 1) vor Sumatra im Indischen Ozean
27.03.1964 9,2 Karfreitagsbeben Prince William Sound, Alaska/USA
04.11.1952 9,0 Kamtschatka-Erdbeben von 1952 Kamtschatka/Russland
16.10.1737 9,0 *) Kamtschatka-Erdbeben von 1737 Kamtschatka/Russland
26.01.1700 9,0 *) Cascadia-Erdbeben von 1700 Cascadia Subduction Zone
11.03.2011 8,9 Sendai-Erdbeben von 2011 vor der Küste von Japan
27.02.2010 8,8 Erdbeben in Chile 2010 vor der Küste von Chile
31.01.1906 8,8 *) Ecuador-Erdbeben von 1906 vor der Küste von Ecuador
25.11.1833 8,7 *) Großes Sumatra-Erbeben von 1833 vor Sumatra im Indischen Ozean
01.11.1755 8,7 *) Erdbeben von Lissabon Lissabon/Portugal
28.03.2005 8,6 Seebeben vor Sumatra 2005 vor Sumatra im Indischen Ozean
09.03.1957 8,6 Andreanof Islands-Erdbeben von 1957 Andreanof Islands, Alaska/USA
15.08.1950 8,6 Assam-Erdbeben von 1950 Assam/Indien und Tibet/China
16.12.1575 8,5 *) Valdivia-Erdbeben von 1575 Valdivia/Chile
02.03.1933 8,4 *) Sanriku-Erdbeben von 1933 Sanriku/Japan
15.11.2006 8,3 Kurilen-Erdbeben von 2006 Kurilen-Archipel/Russland
25.09.2003 8,3 Hokkaidō-Erdbeben von 2003 Hokkaidō/Japan
29.09.2009 8,1 Seebeben vor Samoa 2009 Samoa
01.04.2007 8,1 Seebeben bei den Salomonen 2007 Salomonen
13.01.2007 8,1 Kurilen-Erdbeben von 2007 Kurilen-Archipel/Russland
24.12.2004 8,1 Seebeben vor Macquarie-Inseln 2004 Macquarie Island/Australien
03.05.2006 8,0 Seebeben vor Tonga 2006 Tonga
15.08.2007 8,0 Erdbeben vor Peru 2007 Peru
12.05.2008 7,9 Sichian-Erdbeben von 2008 Sichuan/China
12.09.2007 7,9 *) Sumatra-Erdbeben von 2007 vor Sumatra im Indischen Ozean
15.07.2009 7,8 Erdbeben vor Neuseeland von 2009 Invercargill/Neuseeland
13.06.2005 7,8 Tarapacá-Erdbeben von 2005 Iquique/Chile
16.12.1920 7,8 *) Ningxia-Erdbeben von 1920 Ningxia-Gansu/China
17.07.2006 7,7 Seebeben vor Java Juli 2006 Java/Indonesien
26.01.2001 7,7 Erdbeben in Indien 2001 Gujarat/Indien
27.01.2006 7,6 Erdbeben in der Bandasee 2006 Bandasee/Indonesien
08.10.2005 7,6 Kaschmir-Beben von 2005 Muzaffarabad/Pakistan
21.09.1999 7,6 Chi-Chi-Erdbeben Taiwan
17.08.1999 7,6 Izmir-Erdbeben von 1999 Gölcük/Türkei
22.05.1927 7,6 *) Tsinghai-Erdbeben von 1927 Xining/China
27.07.1976 7,5 Erdbeben von Tangshan 1976 Tangshan/China
02.08.2007 7,2 Vanuata-Erdbeben von 2007 Vanuata


Da die Richterskala, wie beschrieben, in erster Linie die Intensität von Erdbeben beschreibt, ist die Mercalli-Skala nicht zwangsläufig überflüssig geworden. Die 10-stufige Mercalli-Skala wurde im Jahr 1902 von dem italienischen Geophysiker Adolfo Cancani auf 12 Stufen erweitert und schließlich nach einer weiteren Revision durch den deutschen Geophysiker August Heinrich Sieberg in Mercalli-Cancani-Sieberg-Skala (MCS-Skala) umbenannt. Mit Überarbeitung der MCS-Skala durch die Seismologen Harry O. Wood und Frank Neumann entstand nach 1931 die Mercalli-Wood-Neumann-Skala (MWN-Skala). Heute wird die Skala, die die direkte Auswirkung von Erdbeben auf Menschen und Gebäude beschreibt, schlicht Modifizierte Mercalli-Skala (MM-Skala) bezeichnet.

Die nachfolgende Tabelle enthält eine Übersicht der einzelnen Stufen der Modifizierten Mercalli-Skala einschließlich deren direkt beobachtbaren Auswirkungen:

Mercalli-Skala Beschreibung

Die Beschädigungen an Gebäuden beziehen sich jeweils auf Bauwerke, die in normaler, mit Bauartklasse 1 vergleichbarer Bauweise erstellt wurden. An Holzhäusern oder speziell erdbebensichereren Bauten entstehen bis Stufe X weniger Schäden.
I Typischerweise nicht von Menschen wahrnehmbar.
II Nur selten und vor allem ruhenden Menschen wahrnehmbar. Möbelstücke sowie Glas/Porzellan können minimal vibrieren.
III Von Menschen vor allem in Gebäuden wahrnehmbar. Möbelstücke sowie Glas/Porzellan vibrieren leicht.
IV Von Menschen vor allem in Gebäuden signifikant wahrnehmbar. Möbelstücke sowie Glas/Porzellan vibrieren deutlich.
V Von Menschen in jedem Fall wahrnehmbar. Möbelstücke vibrieren stark und  Glas/Porzellan kann zu Bruch gehen.
VI Von Menschen in jedem Fall wahrnehmbar. Menschen laufen irritiert aus Gebäuden. Möbelstücke werden leicht verschoben und  Glas/Porzellan geht zu Bruch. Leichte Schäden an Gebäuden.
VII Panik unter Menschen. Möbelstücke werden stark verschoben. Einige markante Schäden an Gebäuden. Hohe Bauwerke können einstürzen.
VIII Möbelstücke stürzen um. Erhebliche Schäden an Gebäuden. Hohe Bauwerke stürzen ein oder werden stark beschädigt. Leichte Erdrutsche und Flutwellen möglich.
IX Starke Schäden an Gebäuden. Mittlere Erdrutsche und Flutwellen möglich.
X Gebäude stürzen mehrheitlich ein. Bildung von kleinen Spalten in der Erdoberfläche. Große Erdrutsche und Flutwellen möglich.
XI Alle Gebäude stürzen ein. Bildung von ausgeprägten Spalten in der Erdoberfläche. Extreme Erdrutsche und Flutwellen möglich.
XII Vollständige Zerstörung von Gebäuden und der Infrastruktur. Signifikante Umgestaltung von Landmarken durch gigantische Erdrutsche und Flutwellen möglich.


Eine Fortentwicklung der Richterskala ist die so genannte Momenten-Magnituden-Skala. Sie basiert auf der Richterskala und wurde zwischen den Jahren 1977 und 1979 von den Geophysikern Tom Hanks und Hiroo Kanamori entwickelt. Sie dient in erster Linie dazu, die im Moment eines Erdbebens direkt freigesetzte Energie zu bestimmen.