Bookmark bei Delicious anlegen   Bookmark bei Mister Wong anlegen  

Very Large Telescope (VLT)

Mitten in der chilenischen Atacama-Wüste errichtet das European Southern Observatory (ESO) vier gigantische Teleskope, welche zusammen das Very Large Telescope (VLT) bilden. Nach über zehn Jahren Planungs- und Bauzeit konnten die insgesamt vier Riesenspiegel den Forschern für wissenschaftliche Arbeiten übergeben werden. Inzwischen haben die Teleskope auch einen Namen: Aus den  technischen Bezeichnungen UT1 bis UT4 wurden Antu, Kueyen, Melipal und Yepun - es handelt sich um Namen von Sternen in der Mapuchesprache, dem Idiom der Ureinwohner Chiles.

Chile gilt als Paradies für alle professionellen Himmelsgucker. Kaum irgendwo finden Astronomen derart geeignete Bedingungen wie in der Atacama-Wüste, im Norden des südamerikanischen Landes. Wer von Antofagasta, einer Hafenstadt 1.200 Kilometer von Santiago de Chile entfernt, die Panamericana nimmt und nach wenigen Kilometer rechts abbiegt, befindet sich auf dem Cerro Paranal - eine der trockensten Regionen der Welt. Felsbrocken liegen im braunroten Sand. Kein Strauch, kein Tier, nicht einmal ein Skelett am Wegesrand. Nur der Wind bewegt sich hier. Hier, in einer Höhe von 2.635 Meter liegt die astronomische Beobachtungsstation.


Bild 1: Very Large Telescope (VLT) am Tag

Very Large Telescope (VLT)
Luftaufnahme des Komplexes



Bild 2: Very Large Telescope (VLT) bei Nacht

Very Large Telescope (VLT)
Aufnahme des Komplexes bei Nacht


Bild 3: Transport eines Spiegels für das Very Large Telescope (VLT)

Very Large Telescope (VLT)
Transport des Spiegels für Teleskop UT2



Bild 4: Very Large Telescope (VLT) im Rohbau

Very Large Telescope (VLT)
Aufnahme des Rohbaus im Jahr 1996


Bild 5: Very Large Telescope (VLT)

Very Large Telescope (VLT)
Aufnahme des Teleskops UT4 (Yepun)



Bild 6: Sternentstehungsgebiet RCW38

RCW 38
Aufnahme eines Sternentstehungsgebietes


Der Ort, fernab jeder Zivilisation, wurde mit Bedacht gewählt: Abgeschirmt von den 6.000 Meter hohen Anden im Osten und dem kühlen Humboldtstrom im Osten, schwebt über der Wüste eine stabile Schönwetterfront. An 350 Tagen und Nächten zieht hier keine Wolke über den Berg. Das letzte Mal regnete es auf dem Cerro Paranal 1995. Ein idealer Platz für Mumien, die hier über Jahrtausende im Freien erhalten bleiben - und für Astronomen. Noch wichtiger ist die Luftruhe über dem Cerro Paranal - auch tief über dem Horizont tanzen die Sterne nicht hin und her. Sie stehen punktförmig wie im Zenit. Das Flimmern nämlich, das Laien als romantisch empfinden, vermatscht den Astronomen die Bilder. Die Sichtqualität nennen die Astronomen "Seeing". Die Wissenschaftler messen die Verzerrung eines Sterns durch die Atmosphäre in winzigen Einheiten, in Bogensekunden. Herrscht vor den Toren Münchens ein Seeing von fünf Bogensekunden, sinkt der Wert in den Schweizer Alpen auf zwei. Auf dem Cerro Paranal herrscht an guten Tagen ein Seeing von 0,3 - für Astronomen eine Sensation.

Weiter - klarer - schärfer lautet das Prinzip, das die Wissenschaft der Sternbeobachtung antreibt und den technischen Erfindergeist zu immer neuen Höchstleistungen bewegt. Auf dem Cerro Paranal hat die ESO der astronomischen Technik für eine Milliarde Mark einen Tempel gebaut.

Die Hohlspiegel haben die Fernrohre längst ersetzt. Diese Technik, mit der einst Galileo Galilei unser Sonnensystem entschlüsselte, stieß Ende des 19. Jahrhunderts an ihre Grenze. Je gewaltiger und schwerer die Linsen wurden, desto mehr bogen sie sich unter der Last ihres eigenen Gewichtes. Spiegelteleskope dagegen können sehr viel größer sein, da sie in eine Halterung eingebettet sind. Sie fangen die Strahlen von einem Stern wie eine Schüssel ein und bündeln das Licht in einem Punkt. Doch beliebig groß können auch die astronomischen Spiegel nicht werden. Mit wachsendem Umfang wächst auch die Gefahr, dass sie sich beim Bewegen verzerren. Doch damit gerät das Lichtjahre entfernte Objekt aus dem Fokus. Der anvisierte Stern ist plötzlich nicht mehr da.

Auch die Teleskopspiegel auf dem Cerro Paranal müssten theoretisch an diesem Problem scheitern. Die jeweils 8,20 Meter breite Konstruktion hängt wie eine riesige Schale in einer Fassung unter der Decke. So gewaltig wurde noch niemals ein Spiegel gebaut. Mehr als drei Jahre brauchte die deutsche Firma Schott in einem weltweit einzigartigen Verfahren, um den Rohling in einen Spiegel zu verwandeln. 14 Tage dauerte es allein, um die Masse aus Glaskeramik zum Schmelzen zu bringen - zwei Jahre, um dem Riesenreflektor seinen Feinschliff zu geben.

Wenn die Sonne im Pazifik versackt und der Tag für die Bauarbeiter endet, beginnt für die Astronomen die Schicht. In den Wohncontainern gehen die Jalousien herunter. Die wenigen Autos, die jetzt noch fahren dürfen, müssen sich mit Standlicht begnügen. Kein künstliches Licht soll dem Sternenhimmel Konkurrenz machen. Fast lautlos erwacht Antu, das erste voll funktionsfähige Teleskop, zum Leben. Langsam fahren die großen Tore der Kuppel auf und geben den Blick frei auf den sternendurchfluteten Himmelsdom.

Die 430-Tonnen-Konstruktion schwebt fast reibungslos auf einem Öl-Film. Sogar mit der Hand ließe sie sich bewegen, wenn auch nur Bruchteile von Millimetern. Nicht einmal eine Minute dauert es, bis das Teleskop von einem Himmelsobjekt zum nächsten wechseln kann, auch wenn beide Milliarden Kilometer entfernt sind. Zu diesem Zeitpunkt muss die Teleskop-Halle leer sein. Jeder Mensch würde den Spiegel mit seiner Körperwärme beeinträchtigen. Die Wissenschaftler verfolgen die Operation auf dem fünfzig m entfernten Kontrollturm über den Computerbildschirm. Schon lange schaut kein Astronom mehr durch das Okular in den Himmel. Elektronische Kameras zeichnen das Licht auf, Spektralgeräte zerlegen es in seine unterschiedlichen Wellenlängen.

Das von den vier einzelnen Himmelsaugen reflektierte Licht wird über Hilfsspiegel und verwinkelte Tunnel unter dem Observatorium gebündelt. Noch sieht man nur nackte Wände und ein Gewirr von Kabeln. Der magische Punkt, in dem die Strahlen zusammenlaufen, ist nicht mehr als ein Loch, in dem zwei Colaflaschen stehen. Vom Jahre 2001 an sollen die Lichtwellen hier bis auf ein Millionstel Millimeter genau zusammenlaufen und sich wie Wasserwellen, die aufeinander treffen, gegenseitig verstärken. Die gebündelte Sehkraft entspricht dann der eines Spiegels von 130 Meter Durchmesser. Funktioniert diese, Interferometrie genannte Technik, wäre das eine Sternstunde der Astronomie. Theoretisch könnte das Superauge dann die Scheinwerfer eines Lastwagens auf dem Mond erkennen – somit ist es dann das leistungsstärkste Teleskop der Welt.

Weitere Informationen zum Thema sind auf den folgenden Websites verfügbar:

Hinsichtlich der Verfügbarkeit der Angebote kann keine Garantie übernommen werden. Die hier verwendeten Aufnahmen stehen unter ESO Public License.